Angeln


Wenn ich gefragt werde, warum ich nachts um halb Vier mit einem Rotlicht auf der Birne über den dorfeigenen, durchgeweichten Bolzplatz robbe und mit einer gewissen feinmotorischen Sicherheit dem heiligen Grün einige fette Tauwürmer entreisse ( die nebenbei bemerkt über eine nicht unerhebliche Beschleunigung verfügen, wenn sie nur mit 2/3 ihres Körpers im Erdloch sitzen), muss ich unweigerlich an meine erste Erfahrung mit der Angelei denken.

Meine Grosseltern nahmen mich auf eine Geburtstagsfeier mit. Leider waren sie die Einzigen, die auf die Idee kamen, einen fünfjährigen auf eine Eierlikörparty mitzunehmen. Ich trug es mit Fassung und bestellte ein Malzbier nach dem Anderen. Ich weiss nicht, ob es der unerträgliche Qualm oder das ansteigende hysterische Gekreische der bezechten Seniorengemeinschaft war, was mich zum naheliegenden Steg führte, aber es war für mein weiteres Leben von entscheidender Bedeutung.
Die Luft war warm und rein. Nur ein paar Grillen störten die Ruhe.
Ich setzte mich, liess die Beine baumeln und starrte auf`s Wasser. Ich spürte, dass ich im Laufe meines Lebens immer wieder an`s Ufer kommen würde.

Meine feierliche Erkenntniss wurde jäh unterbrochen, als sich eine riesige, Hand mit leichtem Druck auf meine Schulter legte. An der braunen, ledrigen Haut erkannte ich im Bruchteil einer Sekunde meinen Grossvater und zukünftigen anglerischen Mentor.

"Schau`nach unten. Was siehst du?"
Nun, ich befand mich auf einem Steg und ohne den Kopf zu senken, antwortete ich " Wasser".
"Schau`mal genauer hin"
Mein Blick senkte sich und nach einiger Zeit sah ich, dass sich an der Wasseroberfläche ungeahnte Aktivitäten ereigneten.
Hier und da spritzte das Wasser auf und Luftblasen zerplatzten an der Oberfläche. Am gegenüberliegenden Ufer, direkt vor dem Schilfgürtel konnte ich eine gewaltige Bugwelle ausmachen, die zweifelsohne von einem sehr grossen Fisch stammen musste.

Überwältigt von den Ereignissen, die sich direkt vor meinen Füssen abspielten, bemerkte ich gar nicht, dass mein Opa sich fuer kurze Zeit vom Ort des Geschehens entfernt hatte. Nun stand er auf dem Steg und prüfte die Dehnbarkeit des Astes, den er am naheliegenden Baum abgebrochen hatte. Er war ungefähr 1,50 m lang und lief am Ende dünn zu.
Während er die provisorische Rute bog und auf ihre Bruchsicherheit hin überprüfte, erklärte er mir, was ich jetzt noch bräuchte, um meinen ersten Fisch zu fangen.

"Du hast jetzt eine Angelrute. Die Schnur besorgst Du dir bei Tant`Emmy. Die hat bestimmt noch irgendwo was im Nähkästchen. Und bring gleich` noch eine kleine Nähnadel und einen Korken mit. Ich besorg uns inzwischen ein paar Rotwürmer aus dem Komposthaufen."

Nach gut 20 min trafen wir uns wieder am Steg um diese aussergewöhnliche High-Tech Rute zusammenzubauen. Schorsch, so nannte man den alten Mann, der schon den einen oder anderen Kapitalen im Laufe seines Lebens auf die Kiemen gelegt hatte, machte sich daran, die Schnur auf eine bestimmte Länge zu kürzen. Der Ast hatte eine Länge von eineinhalb Meter. Er stutzte die Fangleine auf ca. einen Meter. So konnte er sicher sein, dass es bei der Landung eines Fisches keine Komplikationen gab. Die Nadel bog er zu einem Haken, band sie an das Ende der Schnur und knotete den Korken etwa 30 cm über dem Köder ein und fertig war meine erste Angel.

Wir fingen an diesem Abend noch 4 schöne Barsche, die wir nicht fotographiert, nicht gewogen und schon gar nicht zurückgesetzt haben. Wir haben sie...gegessen!

Ich erzähl`Euch das, damit Ihr ungefähr einschätzen könnt, was Euch auf dieser Seite begegnen wird. Wie Ihr den obigen Zeilen vielleicht entnehmen könnt, bin ich eher der "einfache Angler", der ohne Echolot und elektronischen Bissanzeiger operiert. So wie in jedem Sport, und ich für meinen Teil möchte Angeln nicht als Sportart sehen, gibt es eine grosse Bandbreite unterschiedlicher Herangehensweisen. Es gibt Kneipenmannschaften, die sich aus Jux und Dollerei am Sonntag Nachmittag, quasi parallel zum Frühschoppen, ein Spiel 5 gegen 5 gönnen und sich fühlen wie Guenther Netzer auf dem Gipfel seiner Karriere und es gibt den akribisch arbeitenden Profi, der Talent und Trainingsfleiss einbringt und sich in seinem Sport hervorhebt.
Beide sind aber auf Ihre Art besessen vom Fussball.
Sie ziehen für sich etwas positives aus dem was sie machen und das ist es doch worauf es ankommt.